Südamerika – heißes Pflaster?!

Natürlich habe ich vor meiner Entscheidung, nach Südamerika zu gehen, mir Gedanken gemacht, wie sicher es denn sei. Ich hatte allerlei Schreckensgeschichten gehört und gelesen, doch auch viele meinten, noch nie schlechte Erfahrungen in Südamerika gemacht zu haben, man müsse nur immer aufmerksam sein und bestimmte Regeln befolgen, keine Wertsachen offen zeigen, sich unauffällig kleiden, gewisse Stadtviertel meiden, usw.
Letztendlich entschied ich mich, nicht wegen der bloßen Gefahr meinen Traum fallen zu lassen, genau so lag meine Entscheidung vor der Reise nach Israel.

Warum schreibe ich darüber?
In dieser Woche wurde in meinem Wohnviertel ein Haus ausgeraubt, und das, obwohl San Bartolo als äußerst ruhig gilt. Zudem wohne ich in einem von einem Zaun umgebenen Viertel, dass rund um die Uhr bewacht wird. Das gab mir schon zu denken.
Eine zweite unmittelbare Erfahrung, welche eigentlich noch erschreckender ist, weil ich die Opfer persönlich kenne, ist folgende. Zwei peruanische Kunststudenten, welche an dem Projekt “Our World Through Children’s Eyes” mitgearbeitet haben und danach nach Ecuador gefahren sind, wurden auf dem Weg dorthin mit dem gesamten Reisebus entführt und ausgeraubt. Solche Vorfälle waren mir schon vorher bekannt, doch nun unmittelbar betroffene zu kennen, ist noch einmal etwas anderes.
So werde ich zukünftig noch aufmerksamer sein, ab und zu in alle Richtungen schauen, die Menschen mustern und einschätzen, auch wenn ich mir dabei ein wenig paranoid vorkomme und mir durch die ständige Kontrolle viel mehr Sorgen mache als vorher. Mir wurde jedoch von Peruanern gesagt, dass man das Risiko dadurch sehr senken kann, wenn man seinen Mitmenschen ständige Obacht und Aufmerksamkeit zeigt.

Incoming – Ausländische Freiwillige in Deutschland

Mit dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst “weltwärts” hat das BMZ 2008 eine Chance für alle Deutsche geschaffen, nun auch in ärmeren Ländern sich zu engagieren. Doch wie sieht es für Ausländer aus, die gerne einen Dienst in Deutschland leisten möchten?

Dies ist unter anderem ein Kritikpunkt an weltwärts – das Programm ist einseitig. Wir gelangen überall hin, doch Ausländer kommen meist nirgendwo hin. Dabei wäre ein beidseitiger Austausch die logische Konsequenz der Weiterführung des Gedankens vom interkulturellen Dialog.

Der Freiwilligendienst eines Ausländers in Deutschland kann genau so viel bewirken wie umgedreht der Dienst eines Deutschen im Ausland. Warum auch nicht? Seine Erfahrungen aus Deutschland könnten ihm zum Beispiel zurück in seiner Heimat einen starken Impuls geben, ebenso könnte er durch sein anderes Verständnis in Deutschland bestimmte Zustände besser aufspüren und hinterfragen.

Da ein Freiwilligendienst meist leider teuer ist, können sich dies viele Ausländer nicht leisten. Wie wäre es, wenn wir als deutsche Freiwillige einen Partner im Ausland finden, der nach Deutschland geht, so dass ein 1:1 Austausch stattfindet? Bei finanziellen Schwierigkeiten kümmert sich der deutsche Freiwillige, er wirbt etwa in Deutschland um Spenden…natürlich könnten auch Zuschüsse vom Staat kommen, die einen solchen Dienst ermöglichen.

Was gibt es in dieser Hinsicht schon konkret? Es gibt sie, die so genannten Incoming-Programme, durch die Ausländer in Deutschland freiwillig arbeiten können. Die Bestrebungen sind jedoch noch recht neu und daher mager:

Beispiel 1: Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) ist auch für Ausländer möglich! Leider konnte ich nicht herausfinden, welche Kosten für den Freiwilligen dabei anfallen. Vgl.: hier

Beispiel 2: Seit 2005 gibt es den IFL, den “Internationalen Freiwilligendienst für unterschiedliche Lebensphasen”. Er gilt für Menschen im Alter von 18-71 Jahre und an ihm können ebenso Ausländer teilnehmen. Im ersten Jahr nahmen so unter anderem 58 Menschen aus 21 verschiendenen Ländern teil.Vgl.: hier

Beispiel 3: Der Verein “Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.” bietet seit 2006 auch ein Incoming-Programm an. So kommen dieses Jahr etwa 75 Menschen aus dem Ausland in deutsche Einrichtungen. Hier ist die finanzielle Situation schon recht gut: Lediglich der Flug muss selbst bezahlt werden, ansonsten bekommen sie monatlich mind. 150 €, kostenlose Unterkunt und Verpflegung, Versicherungsschutz und 20 Tage begleitendes Seminar. Anfangs wurde das Programm über das IFL-Programm vom “Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend” (BMFSFJ) gefördert, leider gibt es diese Unterstützung nun nicht mehr, doch aufgrund der steigenden Nachfrage entschied man sich, das Programm weiterhin anzubieten. Vg.: hier

Sicherlich gibt es noch weitere Beispiele, aber es dürfte klar sein, dass verglichen mit den mehreren Tausend Freiwilligen, die jährlich das Jahr verlassen, es in keinem Verhältnis zum Incoming steht.

Abschließend möchte ich einen Aspekt hinweisen, welcher sich meiner Meinung nach durch breit angelegte Incoming-Programme zuspitzen kann, nämlich den des “Brain Drain”. Das bedeutet, dass gebildete Menschen aus den ärmeren Ländern in reichere Länder abwandern, und so die Situation im Heimatland sich wirtschaftlich noch weiter verschlechtert. Denn viele Menschen greifen lieber nach den neuen Möglichkeiten, die sich ihnen im Ausland bieten, das Heimatland profitiert nur noch indirekt durch Geldüberweisungen der Ausgewanderten an die zurückgebliebene Familie und Verwandtschaft (in vielen armen Ländern wichtige Devisenquelle).

Angesichts der massiv zunehmenden Flüchtlingsströme, welche zu 90 % Wirtschaftsflüchtlinge und zu 10 % politische Flüchtlinge sind, wäre ein Verbot von Incoming-Programmen nur aufgrund des möglicherweise entstehenden Brain-Drain lächerlich. Gerade die enormen Migrationsströme zeigen für mich, wie wichtig Incomings sind, denn dort könnten sie eine wichtige Vermittlerrolle spielen.

Wie sinnvoll ist mein Dienst, wie nützlich ist er wirklich?

Im Zuge meines Vorbereitungsseminars und der Beschäftigung mit dem Thema Entwicklungspolitik stellte ich mir eindringlich die Frage, wie viel ein solcher Freiwilligendienst wert sein könne.
In dem Artikel “Egotrip ins Elend” aus der Süddeutschen Zeitung wird lebhaft geschildert, wie das vom Bundesministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) initiierte weltwärts-Programm auch in die Hose gehen kann und seinen eigentlichen Zweck nicht erfüllt.
Da wird der Freiwillige aus Kambodscha beschrieben, der so viel Gehalt bekommt wie sechs ausgebildete Lehrer, jedoch selbst nicht einmal die Landessprache spricht und mangels Ausbildung nur bedingt helfen kann. Vor Ort ansässige Arbeiter der Entwicklungszusammenarbeit betreuen den Freiwilligen und werden dahingehend in ihrer Arbeit gehemmt anstatt unterstützt.

Das beschriebene Fallbeispiel im Artikel wirft die Frage auf, weshalb das BMZ nicht einfach die Gelder direkt an die Projekte der Entwicklungszusammenarbeit und die einheimischen Fachkräfte gibt, welche ohnehin einen weitaus besseren Einblick in das dortige Leben und die dortige Kultur haben und daher Spezialist im Lösen der dortigen Probleme sind.
Die unmittelbaren Vorteile eines solchen Freiwilligendienstes sind in der Tat fast nicht vorhanden, doch auf eine längerfristige Zeit kann ein solcher Dienst wahrhaftig Dinge schaffen, die anders nicht erreicht werden können. Der Freiwillige lernt in seinem Jahr die Kultur und deren Menschen in einem Entwicklungsland kennen, er beginnt zu begreifen, was ihn die Berichterstattung nicht vermitteln konnte. Durch das eigene reale Erlebnis der Situation, der ungefilterten Konfrontation mit der dortigen Lage bieten sich neue Möglichkeiten und bilden die Grundlage für ein tieferes Verständnis.
Daher ist der Freiwilligendienst in meinen Augen bisher vor allem ein Lerndienst, man selbst wird nicht viel helfen können, ohne vorher ein wirklich ausreichendes Verständnis entwickelt zu haben. Dieses Verständnis, verpackt in seinen persönlichen Erlebnissen, kann der Freiwillige nun zu Hause in seinem Umfeld einfließen lassen, sei es in seinem Freundeskreis, in einer Arbeitsgruppe, direkt in seinem Beruf oder nicht zuletzt in dem vom weltwärts-Programm geforderte eigene Förderkreis, der zwar auch wegen finanzieller Unterstützung existiert, jedoch auch für das Teilhaben anderer an diesem tieferen Verständnis.

In der heutigen Entwicklungspolitik ist man sich mittlerweile einig, dass ohne ein Umdenken in den wohlhabenden Ländern die Entwicklungszusammenarbeit in ärmeren Ländern nur wenig Wirkung hat.
Der Reichtum von zum Beispiel Deutschland begründet sich unter anderem auf den günstigen Rohstoffen und Erzeugnissen der Dritten Welt. Es ist so unheimlich wichtig, sich zu verdeutlichen, dass wir als Verbraucher die Macht haben, darüber zu bestimmen, welche Produkte weiter Bestand haben und welche nicht. Kaufen wir immer nur die billigsten Produkte, geht dies zu Lasten der Erzeuger, vor allem jener Erzeuger in Entwicklungsländern, da diese in einem Staat leben, der sich keine Subventionen auf Erzeugnisse wie die EU oder die USA leisten kann, und daher den schwankenden Kursen des Weltmarktes gnadenlos ausgesetzt ist, ohne jegiche Sicherheit.
Findet ein Umdenken bei uns Verbrauchern der wohlhabenden Länder statt, dann ist beispielsweise Platz für ein Bewusstsein von FairTrade-Produkten, von umweltverträglichen, gesünderen und dauerhaft Arbeit sicherstellenden Produkten. Wollen wir es uns leisten, wegen einigen zusätzlichen Cents diesen Schritt nicht zu wagen?

Der Freiwillige hat wie beschrieben vor allem eine Lernrolle und Vermittlerfunktion zu seiner Gesellschaft, seine unmittelbare Helferfunktion ist vorerst begrenzt – vorerst. Hat er das Jahr hinter sich, blickt er vielleicht schon klarer in die Strukturen der Situation und kann nun aktiv werden. Er kann sich mit anderen Ehemaligen zusammenschließen und ein eigenes Projekt ins Leben rufen. Solche Initiativen habe ich bereits auf diesem Vorbereitungsseminar kennengelernt und es hat mich fasziniert.
Ein solches nachträgliches Engagement ist keinesfalls selbstverständlich, es ist nicht Teil des weltwärts-Programms, auch wenn solche Initiativen natürlich durchaus ein gewollter Effekt sind. Dieser triit aber nur ein, wenn der Freiwillige wahres Interesse und Motivation dafür hat, etwas derartiges zu tun.

Ein häufiger Kritikpunkt an weltwärts ist, dass der Freiwillige seinen Dienst im Entwicklungsland als einen Abenteuerurlaub ansieht, der gleichzeitig einen netten Eindruck im eigenen Lebenslauf darstellt und für die zukünftige Karriere nur förderlich ist. Diesem sollte sich jeder Freiwillige ehrlich stellen. Denn ist dies tatsächlich der Fall, so wird der Dienst beim Freiwilligen nur auf unfruchtbaren Boden stoßen.
Bisher ist es aus meiner Erfahrung heraus doch so, dass jeder, der es sich in den Kopf gesetzt hat, an weltwärts teilnehmen konnte. Wäre es nicht sinnvoll, hier mehr Qualitätskontrolle zu betreiben? Vielleicht könnte man den Dienst an gewisse Bedingungen, wie vorheriges Engagement in Deutschland, knüpfen, um so die Quote an Trittbrettfahrern zu reduzieren?

Angenommen die meisten Freiwilligen gehen tatsächlich mit der Intention ins Ausland, zu helfen und einen gemeinnützigen Beitrag zu leisten. Sie haben einen guten Willen und treten mit hohen Idealen ihren Dienst an. Es kann schnell passieren, dass sie übereifrig handeln und eine Hilfe leisten, die kurzsichtig ist. Beispielsweise sie verschenken ihre Kamera an einen liebgewonnenen Einheimischen, dieser wird nun von anderen Einheimischen beneidet, es kommt zu sozialen Spannungen und Konflikten, was Gutes hat sich daraus nicht ergeben. Eine Tat muss immer wohlüberlegt sein und mögliche Folgen bedacht werden. Die Hilfe muss einen langfristigen, also nachhaltigen Zweck erfüllen. Diese Fähigkeit wird während des Freiwilligendienstes denke ich gut geschult, und auch wenn der Freiwillige anfangs Fehler macht, so muss er aus diesen lernen, denn der Dienst ist wie bereits erwäht vor allem ein Lerndienst.
Der naïve Freiwillige muss seine rosa Brille früh absetzen und sich vorerst von der Vision, die Welt zu retten, verabschieden. Es gibt Tausende von Insitutionen im Bereich Entwicklungszusammenarbeit, seien es staatliche, nicht-staatliche oder private, einige mit langer Erfahrung und vielen Fachkräften, ein Freiwilliger ist dagegen nahezu unbedeutend. Dabei spielen die Seminare für den Freiwilligen eine wichtige Rolle, die Teil von weltwärts sind und unter anderem die Bedeutung des Freiwilligendienstes thematisieren und zur Diskussion stellen.

Abschließend bin ich zu dem Schluss gekommen, dass der Erfolg meines Freiwilligendienstes in erster Linie von mir selbst abhängt, was ich daraus mache, und dies finde ich eine wichtige, wenn auch naheliegende Erkenntnis. Insofern blicke ich erwartungsvoll auf mein bevorstehendes Jahr und bin gespannt, welche Chancen sich mir bieten und wie ich diese anpacke! :-)

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