Im Zuge meines Vorbereitungsseminars und der Beschäftigung mit dem Thema Entwicklungspolitik stellte ich mir eindringlich die Frage, wie viel ein solcher Freiwilligendienst wert sein könne.
In dem Artikel “Egotrip ins Elend” aus der Süddeutschen Zeitung wird lebhaft geschildert, wie das vom Bundesministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) initiierte weltwärts-Programm auch in die Hose gehen kann und seinen eigentlichen Zweck nicht erfüllt.
Da wird der Freiwillige aus Kambodscha beschrieben, der so viel Gehalt bekommt wie sechs ausgebildete Lehrer, jedoch selbst nicht einmal die Landessprache spricht und mangels Ausbildung nur bedingt helfen kann. Vor Ort ansässige Arbeiter der Entwicklungszusammenarbeit betreuen den Freiwilligen und werden dahingehend in ihrer Arbeit gehemmt anstatt unterstützt.
Das beschriebene Fallbeispiel im Artikel wirft die Frage auf, weshalb das BMZ nicht einfach die Gelder direkt an die Projekte der Entwicklungszusammenarbeit und die einheimischen Fachkräfte gibt, welche ohnehin einen weitaus besseren Einblick in das dortige Leben und die dortige Kultur haben und daher Spezialist im Lösen der dortigen Probleme sind.
Die unmittelbaren Vorteile eines solchen Freiwilligendienstes sind in der Tat fast nicht vorhanden, doch auf eine längerfristige Zeit kann ein solcher Dienst wahrhaftig Dinge schaffen, die anders nicht erreicht werden können. Der Freiwillige lernt in seinem Jahr die Kultur und deren Menschen in einem Entwicklungsland kennen, er beginnt zu begreifen, was ihn die Berichterstattung nicht vermitteln konnte. Durch das eigene reale Erlebnis der Situation, der ungefilterten Konfrontation mit der dortigen Lage bieten sich neue Möglichkeiten und bilden die Grundlage für ein tieferes Verständnis.
Daher ist der Freiwilligendienst in meinen Augen bisher vor allem ein Lerndienst, man selbst wird nicht viel helfen können, ohne vorher ein wirklich ausreichendes Verständnis entwickelt zu haben. Dieses Verständnis, verpackt in seinen persönlichen Erlebnissen, kann der Freiwillige nun zu Hause in seinem Umfeld einfließen lassen, sei es in seinem Freundeskreis, in einer Arbeitsgruppe, direkt in seinem Beruf oder nicht zuletzt in dem vom weltwärts-Programm geforderte eigene Förderkreis, der zwar auch wegen finanzieller Unterstützung existiert, jedoch auch für das Teilhaben anderer an diesem tieferen Verständnis.
In der heutigen Entwicklungspolitik ist man sich mittlerweile einig, dass ohne ein Umdenken in den wohlhabenden Ländern die Entwicklungszusammenarbeit in ärmeren Ländern nur wenig Wirkung hat.
Der Reichtum von zum Beispiel Deutschland begründet sich unter anderem auf den günstigen Rohstoffen und Erzeugnissen der Dritten Welt. Es ist so unheimlich wichtig, sich zu verdeutlichen, dass wir als Verbraucher die Macht haben, darüber zu bestimmen, welche Produkte weiter Bestand haben und welche nicht. Kaufen wir immer nur die billigsten Produkte, geht dies zu Lasten der Erzeuger, vor allem jener Erzeuger in Entwicklungsländern, da diese in einem Staat leben, der sich keine Subventionen auf Erzeugnisse wie die EU oder die USA leisten kann, und daher den schwankenden Kursen des Weltmarktes gnadenlos ausgesetzt ist, ohne jegiche Sicherheit.
Findet ein Umdenken bei uns Verbrauchern der wohlhabenden Länder statt, dann ist beispielsweise Platz für ein Bewusstsein von FairTrade-Produkten, von umweltverträglichen, gesünderen und dauerhaft Arbeit sicherstellenden Produkten. Wollen wir es uns leisten, wegen einigen zusätzlichen Cents diesen Schritt nicht zu wagen?
Der Freiwillige hat wie beschrieben vor allem eine Lernrolle und Vermittlerfunktion zu seiner Gesellschaft, seine unmittelbare Helferfunktion ist vorerst begrenzt – vorerst. Hat er das Jahr hinter sich, blickt er vielleicht schon klarer in die Strukturen der Situation und kann nun aktiv werden. Er kann sich mit anderen Ehemaligen zusammenschließen und ein eigenes Projekt ins Leben rufen. Solche Initiativen habe ich bereits auf diesem Vorbereitungsseminar kennengelernt und es hat mich fasziniert.
Ein solches nachträgliches Engagement ist keinesfalls selbstverständlich, es ist nicht Teil des weltwärts-Programms, auch wenn solche Initiativen natürlich durchaus ein gewollter Effekt sind. Dieser triit aber nur ein, wenn der Freiwillige wahres Interesse und Motivation dafür hat, etwas derartiges zu tun.
Ein häufiger Kritikpunkt an weltwärts ist, dass der Freiwillige seinen Dienst im Entwicklungsland als einen Abenteuerurlaub ansieht, der gleichzeitig einen netten Eindruck im eigenen Lebenslauf darstellt und für die zukünftige Karriere nur förderlich ist. Diesem sollte sich jeder Freiwillige ehrlich stellen. Denn ist dies tatsächlich der Fall, so wird der Dienst beim Freiwilligen nur auf unfruchtbaren Boden stoßen.
Bisher ist es aus meiner Erfahrung heraus doch so, dass jeder, der es sich in den Kopf gesetzt hat, an weltwärts teilnehmen konnte. Wäre es nicht sinnvoll, hier mehr Qualitätskontrolle zu betreiben? Vielleicht könnte man den Dienst an gewisse Bedingungen, wie vorheriges Engagement in Deutschland, knüpfen, um so die Quote an Trittbrettfahrern zu reduzieren?
Angenommen die meisten Freiwilligen gehen tatsächlich mit der Intention ins Ausland, zu helfen und einen gemeinnützigen Beitrag zu leisten. Sie haben einen guten Willen und treten mit hohen Idealen ihren Dienst an. Es kann schnell passieren, dass sie übereifrig handeln und eine Hilfe leisten, die kurzsichtig ist. Beispielsweise sie verschenken ihre Kamera an einen liebgewonnenen Einheimischen, dieser wird nun von anderen Einheimischen beneidet, es kommt zu sozialen Spannungen und Konflikten, was Gutes hat sich daraus nicht ergeben. Eine Tat muss immer wohlüberlegt sein und mögliche Folgen bedacht werden. Die Hilfe muss einen langfristigen, also nachhaltigen Zweck erfüllen. Diese Fähigkeit wird während des Freiwilligendienstes denke ich gut geschult, und auch wenn der Freiwillige anfangs Fehler macht, so muss er aus diesen lernen, denn der Dienst ist wie bereits erwäht vor allem ein Lerndienst.
Der naïve Freiwillige muss seine rosa Brille früh absetzen und sich vorerst von der Vision, die Welt zu retten, verabschieden. Es gibt Tausende von Insitutionen im Bereich Entwicklungszusammenarbeit, seien es staatliche, nicht-staatliche oder private, einige mit langer Erfahrung und vielen Fachkräften, ein Freiwilliger ist dagegen nahezu unbedeutend. Dabei spielen die Seminare für den Freiwilligen eine wichtige Rolle, die Teil von weltwärts sind und unter anderem die Bedeutung des Freiwilligendienstes thematisieren und zur Diskussion stellen.
Abschließend bin ich zu dem Schluss gekommen, dass der Erfolg meines Freiwilligendienstes in erster Linie von mir selbst abhängt, was ich daraus mache, und dies finde ich eine wichtige, wenn auch naheliegende Erkenntnis. Insofern blicke ich erwartungsvoll auf mein bevorstehendes Jahr und bin gespannt, welche Chancen sich mir bieten und wie ich diese anpacke!